Lots Frau

Eines Abends sagt er: Wir müssen gehen,

und du schaust in seine ruhigen, distanzierten Augen,

und du hörst seinen ruhigen, endgültigen Worten zu,

die nichts von der Traurigkeit von Abschieden wissen...

„Unsere Stadt ist hohl und verrottet,

von Genusssucht und Stolz befleckt.

Sie ist dazu verdammt, verloren und vergessen zu werden,

und diese Nacht wird ihr Los erfüllt.

Aber ich bin derjenige, der von Gott verschont werden wird,

der Gerechte, bestimmt zu überleben.

Also lass uns den Engeln zu unserem Ziel folgen

und niemals zurückschauen, mein Weib.“

Er hat zwei Engel, ihn zu führen, zwei Engel und einen Gott voraus.

Für dich gab es nie einen Engel, und für dich

sind Abschiede nur traurig.

Also packst du die wenigen Sachen, die du behalten willst,

kostbare Dinge voller Schönheit und Sünde,

und dann leerst du sie wieder aus und versuchst nicht zu weinen,

denn die wahrhaft kostbaren Dinge trägst du in dir.

Und du durchschreitest den Hof deiner Jugend,

die Straßen, die deine Kinder aufwachsen sahen,

folgst deinem Mann voll rätselhafter Wahrheiten,

du aber bist leer bis auf diese zurückgehaltenen Tränen,

die bitterer und schwerer werden,

während du gehst.

Er hat zwei Engel, ihn zu führen, zu einem neuen, fernen, großartigen Heim.

Für dich sind die Engel nur Fremde, und dein Heim ist,

wo deine Erinnerungen sind.

Dann ist nur Wüste um dich,

und ein dunkelrotes Glühen hinter dir,

etwas brennt dort in der Ferne

so weit weg und doch schrecklich nah...

Und deine Töchter blicken blind nach vorn,

du fragst dich, ob sie die fernen Schreie hören,

oder ob sie, den Worten ihres Vaters vertrauend,

teilnahmslos geworden sind für die Traurigkeit von Abschieden.

Leise rufst du sie mit der Stimme einer Mutter,

aber sie gehen weiter, gehorsam und schnell,

und gewiss liegt etwas Großartiges in ihrer Wahl,

und die wahrhaft kostbaren Dinge

sind nun verloren.

Und du wendest dich um, blickst auf die Stadt,

noch immer so kostbar und sündig und großartig,

voller Erinnerungen, die dazu bestimmt sind,

vergessen zu werden von denen, die ihr Schicksal nicht teilen.

Und du ergibst dich den nicht vergossenen Tränen,

der schweren Bürde in deinem Herzen,

lässt dich mit Salz und Schwere füllen anstatt

mit einem bitteren, unerträglichen Abschied.

Er hat zwei Engel, ihn zu führen zu einem Ort, wo er niemals sterben wird.

Für dich gab es nie einen Engel...

Crystal 04/2007

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